Menschheit passiert (Kurzgeschichte)

Feierabend, endlich! Schnell packst du deine Habseligkeiten zusammen und wünschst deinem Chef noch einen schönen Feierabend. Er nickt dir zu und rechnet weiter die Kasse ab. Er kann manchmal wirklich streng sein, aber er ist um einiges besser als die paar Kunden die heute im Laden waren, ein paar Möchtegern Hip Hoper die anscheinend etwas anderes erwartet haben, als das was sie vorfanden. Doch du kannst nicht klagen, schließlich ist der Plattenladen ansonsten gut besucht und die Arbeitszeiten sind auch vollkommen in Ordnung.

Als du an der Bushaltestelle ankommst steht dort eine junge Frau mit Kopftuch, nichts Außergewöhnliches. Auch dass sie einen Kinderwagen vor sich her schiebt und noch zwei weitere kleine Kinder um sie herum rennen ist für dich kein seltener Anblick. Du könntest das nicht. So ruhig bleiben wie sie, während die kleinen Teufel Terror machen. Du warst eben noch nie ein Mensch zum Familie gründen.

Eines der Kinder schaut dich mich schokoladenverschmierten Mund an, als der Bus kommt. Du steigst ein, zeigst die Fahrkarte vor und bittest den Fahrer die hintere Tür zu öffnen, damit die Mutter mit dem Kinderwagen einsteigen kann. Du hast heute deinen Sozialen. Ein Danke bleibt aus, wie üblich. Egal, denn gerade als du dich auf einen freien Platz gesetzt hast, ertönt Joy Division – She’s Lost Control. Du kramst dein Handy aus der Tasche. Am anderen Ende: deine völlig aufgelöste Freundin, faselt was vom toleranten Hamburg und wie sehr sie doch ihre Eltern hasst.

Nachdem du sie beruhigt und gegen die zwischenzeitlich eingestiegenen Jugendlichen angebrüllt hast, die sich lautstark unterhielten, hast du erfahren dass deine Freundin heute Nachmittag mit ihren Eltern geredet hat. Super! Da hat sie mal wieder nicht auf dich gehört. Schließlich wusstest du aus ihren Erzählungen, dass vor allem ihr Stiefvater einen Stock im Arsch hat. Er hat sich schon tierisch darüber aufgeregt, dass sie nun Kunstgeschichte studierte und so ein Coming Out war noch einen Tacken schärfer, da konnte diese Stadt noch so tolerant sein.

Laut Anzeigetafel musst du nächste Station raus, also versprichst du ihr so schnell wie möglich zu hause zu sein und legst auf. Du beschließt am Hauptbahnhof nicht nur bei der Apotheke vorbei zu gehen, sondern auch gleich noch eine große Packung Vanilleeis und ne Cola mitzubringen, der Abend scheint noch lang zu werden. In der Apotheke legst du das Rezept vor und bekommst die Schlaftabletten ausgehändigt, die deine Freundin verschrieben bekommen hat. Die freundliche Apothekerin weist dich noch dezent darauf hin, dass du mit dem Zeug eigentlich eine ganze Elefantenherde schlafen legen kannst und daher genau auf die Dosierung achten musst. Du bedankst dich für ihre Mühe. Genau das ist der Grund warum du und nicht deine Freundin diese Tabletten abholst und sie auch sonst verwaltest. Schließlich soll sie nicht auf dumme Gedanken kommen!

Zehn Minuten später stehst du mit einer überdimensionalen Kühltasche am Bahnsteig und beobachtest die hektisch umher rennenden Menschen. Gerade ertönt eine Durchsage fürs gegenüberliegende Gleis, es seien noch mehr Türen da als die der vorderen 3 Wagons, die man nutzen könne zum einsteigen, da kommt auch schon deine Bahn. Wie immer um diese Urzeit sieht es sehr danach aus, als wäre mal wieder kuscheln angesagt.

Normalerweise überlegst du es dir an dieser Stelle noch einmal kurz ob du die nächste Bahn nimmst, doch heute machst du eine Ausnahme und quetscht dich in die viel zu volle S-Bahn, in der Hoffnung das Ganze heil zu überstehen. Doch eine Station vor deinem Ziel ertönt eine Durchsage. Der Zug könne vorerst nicht weiterfahren, wegen einem Feuerwehreinsatz. Da hat sich wohl mal wieder jemand auf die Gleise geschmissen, denkst du dir und steigst mit den anderen Fahrgästen aus.

Während nun also das Chaos ausbricht, jeder versucht irgendwie rechtzeitig zu irgendeinem Ziel zu kommen, Termine nicht zu verpassen und alle das Smartphone zücken um hektisch zu telefonieren, beschließt du den restlichen Weg zu Fuß zu gehen. Schnell noch eine Nachricht an deine Freundin verschickt, Musik auf die Ohren und los gehts, ab nach hause. So lässt du nun die Menschheit einfach weiter passieren, für heute warst du sozial genug, jetzt sind sie dir egal.

Und aus deinen Kopfhörern ertönt Clan of Xymoy – Creep. Für einen Moment kannst du abschalten…

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Über ichigo_komori91

Ich bin ein nähbegeistertes Etwas, zeichne, male und schreibe gern Gedichte und Songtexte. Außerdem habe ich ein großes Interesse an der Japanischen Sprache und Kultur. Ich liebe und lebe mit der Natur, auch wenn diese mich mit Knoblauch- und Sonnenallergie straft ;)

Veröffentlicht am 14. November 2015, in Kurzgeschichte. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Der alltägliche Wahnsinn einer Metropole 😉

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